Verfahrene Liebe

Die Tür der S-Bahn öffnet sich. Nach dem Umsteigen sind es nur noch ein paar Stationen. Ich könnte stehen bleiben. Sehe mich trotzdem kurz um. Neben mir lockt eine Dreierreihe Sitze, und zwei nebeneinander sind frei. Ich bin übermüdet. Reif für eine Cola, mindestens aber für gute Unterhaltung, um in den nächsten Minuten nicht einzuschlafen, und setze mich.

Die zierliche Gestalt neben mir bückt sich. Sie hält einen grünen Wanderstock, der nun am Boden liegt und mich an der Stiefelspitze berührt und hantiert an ihren Schuhen herum. Der Mann ihr gegenüber sieht weg. Ich sehe abwechselnd auf die geduckte Haltung und auf den leuchtend grünen Stock unter mir. Die Gestalt ist schwarz gekleidet. Die Hose mit aufgesetzten Taschen. Der Stoff glänzend. Die Kapuzenjacke hüllt sie komplett ein.
Kurz sieht der Mann gegenüber doch wieder zu ihr. Dann steht er auf und wechselt das Abteil. Im Fenster gegenüber beobachte ich, wie sie sich aufrichtet. Die Kapuze bleibt oben. Den Stock hält sie wieder aufrecht, umfasst den Griff mit beiden Händen. Ich versuche im Spiegelbild das Gesicht zu erkennen. Ist es ein Junge? Ein Mädchen? Doch der Stoff der Jacke bildet in der Art eine Höhle um ihren Kopf, dass ihr Gesicht im Schatten bleibt. Es ist nur ein einzelner Stock, den sie hält. Und aufgrund typischer Bewegungen ihres Gesichts, auch wenn es im Detail mir nicht erkennbar wird, verstehe ich plötzlich, dass es sich um keinen Wanderstab handelt. Betreten sehe ich auf meine Hände und erinnere mich an die Zeit an dem mir liebsten Arbeitsplatz, den ich im Leben hatte.

Ich beobachte das Spiegelbild. Sie schiebt die Hand unter die Kapuze. Kratzt sich am Kopf. Der Schädel wirkt kahl rasiert. Ihre Haltung ist konzentriert und ich überlege, ob sie den Ansagen in der Bahn folgt, um zu wissen, wann sie aussteigen muss, ob sie die Stationen zählt oder am Geruch und an Geräuschen erkennt, wo wir uns befinden.

Im Internat war das so. Ich lief mit den Kindern meiner Klasse den Weg bis zum Bahnhof ab. Sie waren zwischen acht und zehn Jahren alt. Wenn wir den Duft der Wäscherei passierten, wussten sie, dass es nicht mehr weit bis zur Currywurstbude war, und dass nach dieser die Ampel folgte. Die einzige Blindenampel in der Stadt, die mit lauten Signalen anzeigte, dass sie die Straße überqueren können. Danach ging es nach links. Die nächste Querstraße rechts rein, wo Geräusche und Geruch den Biergarten verrieten. Und immer so weiter.

Ich beobachte, wie sie etwas aus der Tasche zieht. Dann höre ich laut und deutlich ihre Stimme. Alle im Gang drehen sich zu ihr um. Es ist die Stimme einer jungen Frau.
»Hallo, ich wollte dich besuchen und fragen, ob dir das passt?«
Ah, cool, denke ich, sie lebt allein und will ihre Mutter besuchen. Wieso ich aus dieser Frage schlussfolgere, dass sie mit ihrer Mutter sprach, kann ich gar nicht genau sagen. Es war ein Gespür für das Gefühl in ihrer Stimme. Ich versuche, nicht zu lauschen. Denke über meine eigenen Gefühle nach und über das Theaterstück, dem ich entgegen fiebere. Freude- und schlaftrunken.
»Aber ich vermisse dich doch so«, klingt ihre Stimme plötzlich leiser und in einem Tonfall, der mir einen Stich versetzt, »ich will dich so gern wiedersehen.«
Sie hat jemanden, in den sie vernarrt ist. Den sie liebt. Wer weiß. Mir ist jedenfalls klar, dass am anderen Ende der Leitung keine Mutter ist. Aber die Traurigkeit, mit der sie sprach, das Vermissen, das ich so gut nachempfinden kann, tun mir weh.
»Na, ich dachte, wir treffen uns an der Pommesbude … ja, und wann ist der da? … Nein … dein Kumpel, der das nicht wissen soll … ach, der arbeitet da … ach, die sollen es alle nicht wissen?«
Ich senke meinen Blick vom Fenster gegenüber und drehe mich zu ihr hin. Unter der Jacke blitzt der Ärmel eines fliederfarbenen Strickpullis. Die Knöchel ihrer linken Hand stehen weiß hervor, so stark umfasst sie den Griff. Die andere hält zitternd das Handy unter der Kapuze.
»Wieso soll das keiner wissen mit uns … was haben die denn alle gegen mich?«, sie klingt, wie ein verschüchtertes Kind, »darf denn keiner wissen, dass wir zusammen sind?«
Ich kann nicht aufhören, hinzuhören. Ich kann nicht weggehen. Stattdessen versuche ich mir immer wieder vorzustellen, was das für ein Typ ist, mit dem sie telefoniert.
»Ich will doch nur, dass wir uns bald sehen. Ich vermisse dich doch so …«
Hundert Gedanken springen mir durch den Kopf. Was macht der mit ihr, wenn sie sich sehen? Was sieht er in ihr? Schämt er sich? Nutzt er sie aus? Oder aber liebt er sie und ist einfach zu schwach, vor seiner Clique ehrlich zu sein?

Ein Schleier legt sich vor meine Augen. Reiß dich zusammen. Die Erinnerung an eigene Geschichte tritt hervor. Die Liebe macht seltsame Wesen aus uns und den anderen. Wieso tun Menschen das? Wieso lassen sie ihr Ego kitzeln und stehen nicht dazu? Es gelingt mir nicht, den Kummer, den sie ausstrahlt, vor meiner Haustür zu lassen. Das gelingt mir nie. Es ist mir nicht egal, und ich will wissen, wie es ausgeht … doch meine Station ist erreicht. Kurz überlege ich weiterzufahren. Absurd. Ich bin verabredet. Zu einem Theaterabend, der mich lachen lassen wird. Dessen bin ich sicher, neben der Traurigkeit, die ich empfinde, als ich an dem Mädchen vorbei aus der Bahn trete.

***

„Es ist die Liebe, die die Welt im Inneren zusammenhält“ (Johann Wolfgang von Goethe)

© Jo Lenz (für das unbekannte Mädchen und alle, die in einseitiger Liebe gefangen sind)

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