Die heiße Herdplatte

Mich hat das Vögelchen vorm Fenster geweckt. Und als ich mich freute, ein paar Stunden durchgeschlafen zu haben, und mich zum Lauschen ans Fenster setzte, dachte ich mir, dass wir dankbar sein müssen, dass Covid-19 „nur“ uns Menschen trifft. Für Tiere würden wir nie die Zeit anhalten.

Es ist wie ein geschlossener Griff auf die heiße Herdplatte. Jeder von uns kann sich in irgendeiner Form daran verbrennen. Wenn wir die Krise später als Chance zulassen, wird es genau das sein. Denn auf einmal geht, was vielen von uns undenkbar schien. Auf einmal werden aus bis dahin blinden Flecken, freie Sichten und bessere Luft. Als wenn sie uns an genau dem Organ für einen Moment genommen wird, wo es richtig weh tut. Und Angst macht. Damit wir endlich kapieren, wie sehr unser Leben eine bessere, eine gesündere Luft braucht, auch im übertragenen Sinn. Mein erster Gedanke, als ich versucht habe, die Dimensionen zu begreifen, war der Gedanke an ein Reset.

Plötzlich rücken Forderungen zusammen. Gretas, für die freitags überwiegend junge Menschen auf die Straße gingen und dafür von überwiegend älteren Generationen belächelt und beschimpft wurden. Forderungen nach Umdenken und Handeln zu Gunsten des Überlebens Aller, zu Gunsten des Lebens als Kreislauf von Natur, Tier und Mensch. Sie treffen heute auf den profanen Wunsch nach dem Überleben von uns Einzelnen.

Die Meere werden klarer. Tiere kehren zurück. Die Luft ist vom All aus durchsichtiger. Bekommen wir das in ausreichend deutlichem Maße mit? Und erinnern wir uns daran, wenn „das alles“ vorbei ist? Werden wir mehrheitlich, und jeder Einzelne von uns, dazu bereit sein, dieses „Vorbei“ in seiner neuen Form genau anzusehen, um etwas zu begreifen? Danach handeln? Dafür Aufstehen? Das, wofür weltweit freitags das Recht auf Lernen einer höheren Pflicht wich?

Klingt wenig akademisch. Und pathetisch. Esoterisch vielleicht auch. Aber wir können diese Welle, deren Ausmaß ich persönlich null erahnen kann, in großem Maße nutzen. Für Änderungen, die vielleicht unbequem sind, und für die es uns vor Covid-19 einfach zu gut ging.

Jeder Einzelne ist gefragt. Ob heute im Abstand halten. Im mehr Telefonieren mit den Risikogruppen, auch wenn die Umarmung beiden Seiten fehlt. In Solidarität mit dem Nachbarn. Oder ob morgen. Wenn es ans Aufräumen, Aushalten, Zurückstecken und Neumachen geht.

Ich liebe es zu sehen, wie „mein Kiez“ sich mehrheitlich an die neuen Regeln hält, die wir derzeit verinnerlichen müssen. Ja, da sitzen die Alten weiter am Kaiser-Wilhelm-Platz und füttern Tauben und trinken Kaffee, aber sie haben ihre Stühle so unnatürlich weit voneinander gerückt, dass ich darüber lächeln muss. Und die beiden Mädels vorm Eisladen an der Julius-Leber-Brücke, die auch ganz deutlich mit Abstand zueinander das erste Eis des Jahres genießen. Die Spielplätze sind auch ohne Absperrbänder leer. Passanten gehen in Bögen umeinander herum. Die Schlangen beim Rossmann sind schlüpfrig. Und die Optikerin konnte „leider“ den Sitz der Brillenbügel nicht selber überprüfen, weil ihre Arme einfach mal nicht 1,50 m lang sind. Nu rutschtse mir vonna Neese, und ick schieb se eben wieder hoch.

Wieso ich das schreibe? Weil mir gestern der Arsch auf Grundeis ging. Weil nur die kleine Info, dass der Liebste Fieber hat, in mir Italiens Szenarien auf den Plan rief, und das kleine Mädchen in mir diesen beschissenen Satz hörte, mit dem es groß wurde: Dir geht es zu gut!

Ja, verdammte Kacke, mir geht es gerade richtig gut. Mit meinem kleinen Leben, in dem es von außen betrachtet nur noch kleine Brötchen und Schritte gibt. Da ist viel Reichtum, der in Geld nicht messbar ist. Viel Liebe. Viel Sein dürfen. Viel Kreativität. Tolle Menschen, die ich kennenlernen durfte. Und viel Bereitschaft, Veränderungen und Einschnitte zu tragen, wenn sie einer besseren Zukunft dienen. Ich habe Kinder. Ich kann gar nicht anders, als das zu wollen. Bitte: Darf ich das behalten?

An alle Vernunftbegabten: Machen wir das Beste draus, und machen uns bewusst, dass ganz viel Chance in jeder Krise steckt, wenn wir sie und ihre Folgen so verstehen wollen.

Bitte bleibt gesund und seht hin.

Licht & Liebe, eure Jo.

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