»Na, du Zigeuner …«

… so hat mein Opa mich jedes Mal begrüßt, wenn ich zu Besuch in seine Stube trat. In den 80ern war das noch voll in Ordnung. Er zog mich auf seinen Schoß, kniff mir in die Nase und ich inhalierte Zigarrenqualm.

Von der Kachelofenwärme zurück gekehrt, lag ich in meinem Bett und verabschiedete den Tag und meine Eltern mit dem lautstarken Wunsch: »Eskimoküssen!« – falls das einer nicht kennt, man rubbelt zärtlich die Nasen aneinander.

Wieviel von dem erzeugt heute gesellschaftliches Stirnrunzeln? Einschließlich der Tatsache, dass da ein Mädchen auf dem Schoß eines grauhaarigen Mannes sitzt, der auch noch raucht.

Ich will nichts von den Erinnerungen missen, schon gar nicht in meinem Sprachschatz. Ich respektiere, dass Inuit lieber Inuit genannt werden wollen, wenn dem so ist, und Sinti und Roma eben lieber so … Das Warme und das So-voller-Liebe in meiner Erinnerung werden jedoch die Worte bleiben, die nun aus Kinderbüchern, womöglich auch noch aus Liedern verschwinden sollen oder schon verschwunden sind.

Mein Opa ist seit über 20 Jahren tot. Er muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob er politisch korrekt war.

Jetzt ist Otfried Preußler gestorben – Ich muss gestehen, ich habe eine Bildungslücke, was seine Kinderbücher angeht. In meinen Regalen standen alle Märchen dieser Welt und Werke von Wilhelm Busch, Jules Verne, Mark Twain und Karl May. »Räuber Hotzenplotz« und »Die kleine Hexe« habe ich »nur« im »Münchener Kindertheater« dramaturgisch erlebt, als ich vor einigen Jahren meine Kinder dorthin begleitet habe.

Gefühlte zwei Wochen vor der Nachricht über seinen Tod, sah ich einen Bericht über Zensuren von Kinderbuchklassikern. Der Beitrag schloss mit der Bemerkung, dass Otfried Preußler sein Einverständnis dafür gegeben hat, man dürfe Textpassagen in seinen Büchern ändern oder gar streichen. Sogar seinen Unterschriftsakt hatte man für den Zuschauer dokumentiert. Mein Gott, dachte ich dabei, das muss doch grässlich für ihn sein.

Bei der aktuellen Nachricht über seinen Tod war also mein erster Gedanke: Hätten die mit der Befragung nicht noch ’ne Weile warten können? Ich bezweifle, dass Menschen durch diese Zensuren »besser« werden. Besser werden vielleicht die Umsätze der Firmen, die die Bücher neu auflegen, das sichert eventuell Arbeitsplätze, auch was Gutes.

Für mich zieht da eher ein Schatten auf, der unsere Geschichte(n) im wahrsten Sinne des Wortes überschreiben will. Romantische Erinnerungen werden politisch optimiert. Ist das ein gescheiter Ansatz? Ich bin trotz meiner Kindheit zwischen »Eskimo-Küssen« und »Zigeuner-Schoß« kein Rassist geworden, nicht mal Raucher. Auch, selbst erfahrene, menschliche Unkorrektheit – was Männer und Kinder angeht – bringt mich nicht zu der Ansicht, dass hinter warmer Aufmerksamkeit, zwangsläufig krankhaftes Bedürfnis steht.

Warum lass’n wa’n nich die Kirche im Dorf und quatschn drüba?

Solange Eltern mit Ihren Kindern Bücher lesen, findet ein Austausch statt. Da könnte man doch erklären … wobei, da fällt mir gerade ein, ist das Wort »Zigeuner« gar mit einem Fluch belegt? Ich bin in 24 Jahren immerhin 12 x umgezogen.

Also Opa …!!!

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