Sterbeunterbrechung

Ende Mai stellten wir fest, dass das Päckchen mit den Kreuzworträtselheften nicht in Thailand angekommen war. Nochmals würden wir es nicht schicken wollen. Das Porto war nicht unerheblich. Im Juli würde ein Freund meines Vaters sowieso rüber fliegen und der könne die doch mitnehmen und direkt übergeben. Meine Oma nämlich liebt Kreuzworträtsel. Ich war insgeheim froh, dass sie weiterhin so fit ist, stand doch unser Interview noch aus, das wir besprochen hatten, für ein Buch … weil sie eben so ein wundervolles Original ist, deren Augen und Hände schon für manche Protagonistin herhalten mussten, und überhaupt, ihr ganzes Wesen, ihr Humor, ihr Putz …

Am 29.06.2014 starb sie, ohne dass ich sie nach ihrem Umzug vor drei Jahren wiedergesehen habe. 

Als es den Nachbarn im Haus traf – damals war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt – war nur seltsam für mich, dass er nie mehr da sein würde, um uns von der Wiese zu verjagen. Hinterm Haus. Weil ja immer passieren konnte, dass der Ball gegen ein Fenster fliegt. Wir hatten von da an keinen Spaß mehr dabei. Wir vermissten, wie erbost er das Fenster im Parterre aufriss, um mit uns zu schimpfen. Für seine Frau, die weiterhin auf der anderen Hausseite am Fenster auf dem gelben Kissen mit den Bommeln lehnte, ging ich von da an hin und wieder einkaufen. Oder ich aß ein Kuchenstück in ihrer Stube. Oder ich versteckte mich bei ihr, wenn ich Angst vor meinem Vater hatte. Außerdem war ich in ihren Enkel verliebt. Ihr Mann aber war einfach nicht mehr da. Das war gar nicht so leicht zu verstehen. Und es sollte von da an noch viel mehr Sterbefälle geben, die für mich schwer zu verstehen und auszuhalten waren.

Anfang August erhielt ich vom Frohmann Verlag eine Anfrage, ob ich mich an dem Buchprojekt „Tausend Tode schreiben“ beteiligen würde, hier ein Auszug vom Exposé:

… Bitte schreibe einen kurzen Prosatext – Stil und Ton frei wählbar – mit maximal 3.000 Zeichen über eine persönliche Begegnung mit dem Tod (in der physischen Realität … in ästhetischer oder wissenschaftlicher Form … als Todesnachricht) …

Das Schlagwort im wahrsten Sinne des Wortes war für mich der Begriff „Todesnachricht“. Die war ja frisch. Da konnte ich mich bücken und sie wie einen gefallenen Apfel vom Boden klauben. Ich setzte mich also sofort hin und schrieb. Das Frische. Das Unglaubliche. Ohne Schnickschnack. Am selben Abend. Dann lag der Text auf der Platte – ich war nicht glücklich damit, weil er mich an einen Schulaufsatz erinnerte – und die Zeit tropfte weiter. Bis ich die Deadline verpasste …

Am vergangenen Montag erschien die 1. Auflage des e-Books Tausend Tode schreiben. Dank einer Erinnerungsmail von Frau Frohmann und  dank des knappen Lektorats – ich hatte den Text dann doch eingereicht – bin ich also tatsächlich mit hineingerutscht. Ganz nebenbei ist das somit also meine erste „Publikation“ in einer Anthologie und sowieso die erste überhaupt, die ich nicht selbst inszeniert habe. Von 1000 Autoren, die es bis zur 4. Auflage werden sollen, sind 135 in dieser ersten. Wir erhielten am Wochenende die Datei zum Gegenlesen. Auch den Entwurf vom fertigen Buch. Ich staunte, wer da so alles seinen Beitrag geleistet hat und begann zu lesen …

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Lesung am 01.12.2014, Leisepark, #1000Tode

Am Montag versammelten wir uns bei Grabeskälte im Leisepark. Die Verlegerin und, ich glaube, sieben von vierzehn Autoren, die auf facebook zugesagt hatten. Ein kleiner, feiner Rahmen war das, für den Austausch über die Idee, die Mitwirkenden, die gute Zusammenarbeit. Kerzen anzünden. Kalter Atem. Lesen mit klammen Fingern … ich wollte anfänglich nur zuhören, war immer noch unsicher wegen meines Textes, da mir schon zu Beginn des Buches klar geworden war, das sind richtig starke Stücke, die sich da zusammen gefunden haben. Doch die Atmosphäre und die anwesenden Menschen machten es mir leicht und die zu Hause gelassenen Seiten hinderten mein Handy nicht daran, mir in dem mittlerweile gekauften e-Book die Nr. 95 zu präsentieren, meinen Apfel, der Teil eines großartigen Projektes sein darf.

Ich bin noch lange nicht durch. Muss Fühlpausen machen. Finde mich in Texten wieder. Bin gebannt von der Vielfalt. Der Sichtweisen. Der Ideen. Der Erlebnisse. Manche sind knackig. Gar nicht rührselig. Zum Grinsen. Selten. Aber auch das. Kraftvoll. Dank der Zeichenbegrenzung – die ich hasse, wie die Pest – ist dieses Buchprojekt für mich wie ein Fest für viele Tote und Tode. Ein literarischer Leichenschmaus, der ganz nah packt und mitnimmt. Ein Gedenkstein fürs Leben. Lesen! Zulegen! Zum Beispiel bei Minimore.de oder Amazon bei für NUR 4,99 EUR. Die Autor- und Herausgeberanteile am Erlös gehen als Spende an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

P.s. Man möge mir bitte manche Wortwahl nachsehen, auch die des Blog-Titels. Natürlich will ich für das Buch „Tausend Tode schreiben“ werben und unterbreche dafür das, woran ich gerade arbeite. Und so wurde aus Werbeunterbrechung also … jedenfalls meine Oma würde darüber schmunzeln …

2 Antworten auf „Sterbeunterbrechung“

  1. habe das e-book-exemplar auch gekauft und gestaunt, wie kraftvoll, unfreiwillig komisch tod ist. kurz vorm lesen erinnerte ich mich an mein erstes mal, schrieb es auf und schickte es ab….mit allen komma- und flüchtigkeitsfehlern. frau frohmann wird wohl gerade mit texten überschüttet, so dass es tatsächlich 1.000 autoren werden, nehem ich an; falls sie die korrekturen schafft.

    die grössere entdeckung, prarallel zu der 1000-tode-schreiben-aktion bist du.

    1. Schlaubeton … puh … vielen Dank für die Blumen 😀 Der letzte Satz hat ganz schön Power. Und schön, dass du auch was geschrieben hast. Die letzte Auflage wird im März erscheinen. Drücken wir also die Daumen. Aber wie auch immer, es ist jetzt schon ein tolles Projekt. Viel Freude beim Schreiben weiterhin!

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