es gruselt mir

In den 70ern und 80ern, in der Nähe von Berlin:

5 Jahre – In der S-Bahn:
»Mama, da wo die weißen Häuser sind, da wohnt Oma, stimmt‘?«
»Psst. Nicht so laut …«
»Und warum dürfen wir da jetzt nicht hin?«
»Psst! Du sollst das nicht fragen!«

12 Jahre – In der Schule:
»Hey, ich habe ’ne neue Bravo …«
»WAS? ’ne BRAAAVOOO? Echt jetzt? Hat dein Opa wieder geschmuggelt?«
»Pssst. Nich so laut! Darf doch keiner wissen.«
»FUNK UHR – eine Mark! FUNK UHR – eine Mark!«
»Bist du verrückt?! Das ist Westwerbung!«

Vision 20XX – überall in Deutschland:
Die Mauer ist weg. Eine neue muss her. Rund um Deutschland. Und jeder, der nicht ÜBERALL unsere Sprache spricht, gehört über die Mauer gehievt. Und muss dann jeder, der nur deutsch spricht, für immer drin bleiben? Oder wird vielleicht auch innerhalb wieder eine Steinwand gezogen? Könnte doch. Hätten Künstler wieder Fläche. Und wenn, wie liefe das dann ab? So ganz ad hoc? Über Nacht? Oder dürften vorher alle entscheiden, auf welche Seite sie hüpfen?

Ich wäre ja fein raus. Wohne dort, wo meine Großmutter über vierzig Jahre lang nicht mehr hinfahren durfte, um ihre allein lebende Mutter zu besuchen. Nur ihr Mann durfte. Er war ja schon Rentner und sein mögliches Abhandenkommen kein Verlust mehr für den Vier-Jahresplan beim Schiffbau. Dieser coole Mann steckte sich Micky Mouse Hefte und später die Bravo unters Hemd, um mir ’ne Freude zu machen. Ich war auch so ziemlich die einzige in der Klasse, die ihre kompletten Zimmerwände mit Postern tapeziert hatte. Darum durfte auch nicht jeder zu mir kommen … pssst. Wenn die gequatscht hätten, dass bei uns zu Hause Westzeug gehört und gesehen wird.

Ja, jedenfalls, das genau fiel mir ein, als ich von diese Zehennagel erhebenden Groteske der CSU las, hier noch mal von der FAZ hübsch zusammengefasst. Ist das Fasching? Ist das April? Ist das deren Ernst? Ich habe das Bild von verängstigten Menschen im Kopf, die nur noch heimlich sie selbst sein dürfen. Ich weiß, wie Angst vor falschen Worten sich anfühlt. Angst davor, dass jemand mitbekommt, wie ich etwas falsches sage und das Folgen für meine Eltern haben könnte. Doch ich bin gut geimpft worden damals. Habe zwei Wahrheiten beherrscht. Die für draußen. Und die im Herzen. Und im Herzen, ganz ehrlich, da ist doch Muttersprache begraben. MUTTERSPRACHE – lassen wir uns doch das Wort mal auf der Zunge zergehen.

Ich bin dafür, dass Zugezogene jedwede Unterstützung beim Erlernen unserer schönen und doch nicht so einfachen Sprache erhalten. (Schön, muss ich sagen, ich gehe täglich liebevoll mit ihr um.) Ich würde, wenn ich fliehen, oder auch nur gehen würde, weil ich hier die Schnauze voll habe, auch mein Möglichstes tun, die Sprache des erwählten zukünftigen Heimatlandes zu erlernen. Aber ehrlich, wenn ich als Auflage bekäme, überall das deutsch Reden zu unterlassen, würde ich sie nicht irgendwann in Anteilen vergessen? Und dürfen wir von Menschen verlangen, zu vergessen, woher sie kamen, wo ihre Wurzeln liegen, was ihre Muttersprache ist? Das geht schneller, als man denkt. Meine Stieftochter tat sich nach einem Jahr Kanada schwer, manche Worte in deutsch parat zu haben. Das hat sich wieder gegeben … aber … und Punkt!

Und darum – FÖRDEN, JA! – FORDERN, NEIN! – das hat es alles schon und noch viel schlimmer gegeben. Auch schon vor den 70er und 80er Jahren. Deutschland – es gruselt mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.