»An einen Freund«

AN EINEN FREUND

Weißt du noch …
als mein Zeigefinger durchgedrückt für
Sekunden auf dem Klingelknopf, hoffend
meine Frage, ‚Kannst du raus?‘, würde
das nächste Abenteuer in den Laken
der Wiese erfolgreich einstimmen?
Zürnen in aufgewachten Augen.
Leuchten in deinen blauen,
blau wie der Himmel,
der uns seine Farbe schenkte
zwischen schwarz-weißen Kühen
am Elektrozaun hindurch gemogelt,
gegen den du immer pinkeln wolltest.

Die alte Weide am Bach, unser Hochsitz.
Beineschaukelnde Träume von dem was kommt,
wenn wir mal groß sind. Dann wollten wir
hohe Häuser bauen, zu Sternen fliegen
uns auf Bühnen trauen, aufgeschrieben
sollten sie werden unsere Heldentaten,
dem Retten von Tieren auf Erden.
Für das verendete Wildschwein und
für das Reh kam unsere Hilfe
zu spät an diesem Tag, wir
danach auch und so saßen
die Latschen auf den Hintern
schlagkräftig gut bis zum Morgen,
als der Schweinekadaver verschwand.

Wir waren zurück gekehrt und
plattgedrücktes Gras blieb Zeuge
für unser Vergessen von Zeit und Grau’n
vor der kuhlen Druckstelle daneben,
in der wir gestern erschöpft im
Dampf der Halme mit
geröteten Kinderwangen
Hand in Hand alle Geheimnisse
unter der Sonne festgehalten hatten,
für später. Wenn wir mal groß sind.

Weißt du noch …
als unsere Rollschuhe abgeschnallt waren,
wie die ersten Schritte über Gehwegplatten,
stolpernd die Abendsonne im Gesicht, wieder
den Blick auf die Uhr vergessen, wieder
auch das Abendessen, und die Latschen
reichten den Zornigen nicht mehr aus
und die Peitschen der Kreiselspiele
knallten in unseren Ohren?

Weißt du noch …
als auf deinem Hintern Narben blieben,
als alle sagten, aus dir würde nichts und
wir uns trotzdem heimlich küssten, und
mein Zeigefinger durchgedrückt auf
deinem Rücken dafür stimmte,
dass du besser bist als sie?

Dabei hast du mir in deinem Rausch
schon längst nicht mehr zugehört und
bist später geworden, was sie vorhergesagt:
Nicht mal ein viertel Jahrhundert alt.

© Jo Lenz, 2014

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