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Die Zeit, die ich habe.

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Die Zeit … die Zeit. Ich habe acht Wochen. Und habe dennoch Angst, dass sie mir zwischen den Fingern zerrinnen wird. Weil ich sie damit verbringe, aufs Meer zu sehen. Mein Gesicht in die Sonne zu recken. Den Felsen dabei zuzusehen, wie sie unter der Flut verschwinden und wieder hervorragen.  Es wäre anders, wäre das Wetter schlecht. Regnerisch, wie angekündigt. Denn dann bliebe ja nur das Verharren auf dreißig Quadratmetern. Mit meiner Reiselektüre von Haruki Murakami „Kafka am Strand“. Mit Notizbüchern und Laptop. Mit Stricknadeln und Wolle und dem unbedingten Vorhaben, diesen Pullover mit Zopfmuster nach Anleitung zu vollenden – meiner Belohnung in Verbindung mit dem neuesten Hörbuch …

Mein erster Morgen hier begann heute um fünf Uhr. Nach acht Stunden Schlaf. Nachdem ich mich an die meisten Geräusche gewöhnt hatte. Das Klappern der Glasscheibe in der Tür des einzigen Ofens im Haus. Das Pfeifen und Fauchen des Windes im gemauerten Dunstabzug über dem Herd. Und ums Haus herum. Knarzende Türen und Fensterläden …
„Klappe den Deckel immer runter“, hatte Rui mir gesagt, „wenn es stürmt, weht Dreck durch den Abzug …“
Er hatte Recht. Heute morgen habe ich ein Gemisch aus Ziegelsteinrot und Sand von der gläsernen Abdeckplatte des Gasherdes gefegt.

Als ich gestern Mittag ankam, waren sie noch zu viert zu Gange. Da wurde die Propanflasche installiert. Ein Dame putzte Fenster. Ein anderer fegte. An der Badewanne stand „Frisch gestrichen“ – knallgrün. „Sie sah nicht mehr so schön aus“, sagte Rui.
Nach einer Stunde war ich dann allein. Mir gefiel es. Mir gefiel alles. Bis es dunkel wurde. Bis die gesamte Bucht stockfinster zu werden schien.  Und alle Häuser in ihr verlassen genauso dunkel blieben. Gleich einer Geisterstadt am Meer. Mal abgesehen von den Straßenlaternen, die auf der anderen Seite vom Strand die Straße beleuchten, die hinauf führt und davon. Stürmisch kündigte sich die Flut an. Der Regen peitschte seit meiner Ankunft gegen die Fenster. Ich spürte, wie Unbehagen in mir hinaufkroch, als mir klar wurde, dass ich allein im Dunkeln im Grunde Angst habe. Um mich abzulenken, suchte ich im Handy nach den Flutzeiten. Kannte das noch vom Sommer, als der Liebste und ich uns jeden Abend einen Strandabschnitt der Algarve zum Schlafen suchten. Wie da der Wind aufzog, wenn die Flut kam. Und wir manchmal nicht wussten, ob sie nachts unsere Schlafstelle erreichen würde, oder nicht …
Noch eine Stunde, dann hat sie den Höchststand. Es ächzte. Es knackte. Es tobte. Es pfiff. Die Scheibe der Ofentür unterhielt sich mit meinem Herzschlag. Und ich fragte mich, welcher Teufel mich geritten hatte, hier zwei Monate lang allein leben und schreiben zu wollen. Im Winter. Inmitten leerstehender Ferienhäuser.
Ich stand auf. Verrammelte alle Fenster und Türen von innen. Schob jeden Riegel davor, der sich schieben ließ. Versuchte die Kühltruhe zu ignorieren, die auf der Veranda steht, und in der mit Leichtigkeit zwei Leichen Platz hätten (an dieser Stelle sollte jedem klar werden, dass ich da bereits im Schreibmodus gewesen sein muss ;-)) … und ich war dankbar, als ich merkte, dass die nächtliche Anreise mit nur kurzen Schlafphasen und die halbe Flasche Rotwein mich endlich bettschwer werden ließen. Um 21 Uhr. Das Bettzeug erinnerte mich an Nächte bei meiner Großmutter, als ich ein Kind war. Klamm und kalt. Nur, dass sie immer eine Heizdecke für mich hatte. Mit diesen Gedanken schlief ich ein, und schlief durch. Der Wollpullover vom Liebsten stand mir bei. Wärmend und behütend.

Als ich heute Morgen aufwachte, war es Zuhause bereits sechs. Portugal hat mir eine Stunde geschenkt. Und ich sollte achtsam mit ihr umgehen. Nicht vergessen, wieso ich hier bin. Schreibexil. Eins meiner Romanprojekte vollenden. Das hier. Das hier ist mein erster Text. Während ich ihn schreibe, sitze ich auf einem Mauervorsprung. Rechts von mir steht das kleine Haus. Links geht es in die Tiefe. Felsen. Dann Strand. Der Atlantik. Wenn ich hinausblicke. Den Wellen zusehe. Wie sie sich aufbauen. Und hinten an der Steilküste zerschlagen. Ist alles gut … Die Sonne scheint. Der Regen, mit dem ich gestern anreiste, ist vergessen. Die letzten feuchten Stellen auf der Terrasse ziehen sich trocknend zurück. Die romantische Vorstellung, die meinem Ausstieg hier zugrunde liegt, zeichnet sich wieder deutlich. Ich habe mir häufig gewünscht, mich würde mal jemand in einem Leuchtturm einschließen. Nur mit Schreibzeug bewaffnet. Und so weit versorgt, dass ich nicht an Durst und Hunger sterben würde. Nur Tag. Und Nacht. Und das Meer.

Und vor drei Monaten, als wir vier Wochen barfuss an Portugals und Spaniens Südküste wanderten und lebten, entdeckte ich das kleine Haus und erinnerte mich an meinen Leuchtturmwunsch. In fünf Jahren soll es nicht mehr existieren, sagen die Leute, das Meer würde es sich holen. Es ist alles andere als ein Turm. Aber es leuchtet. Wenn ich genügend Kerzen verteile. Und das Feuer knackt.

Ich habe mir für fünf Tage einen Mietwagen genommen. Damit ich Vorräte einkaufen kann. Kartoffeln. Jede Menge Zwiebeln. Kanister mit Trinkwasser. Rotwein. Unreife Bananen. Äpfel. Haferflocken. Nüsse. Bohnen. Linsen. Karotten. Fünf Tuben Tomatenmark. Zündhölzer. Kerzen. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich damit kommen werde.
Heute morgen habe ich mich nochmal auf den Weg gemacht. Besorgen, was ich vergessen hatte: Salz. Noch mehr Holz. Und weil Wochenende ist: Brot. Erdnussbutter. Honig. Ich lasse es krachen. In der Sonne. Am Atlantik. Merke, dass eine Mütze doch auch praktisch gewesen wäre, denn der Wind ist kühl. Ob loveknitting.de mir auch hierher ein Wollpaket schickt? Ich google nach der Anschrift. Weiß nur, wie der Strand heißt. Nebenan steht ein gemütliches Restaurant, dessen Namen ich eintippe. Gemütlich im Sommer. Jetzt ist es zu. Und der Inhaber, der mit seiner Familie sonst in dem kleinen Haus übernachtet, lebt in der nächsten Stadt. Einen Straßennamen gibt es nicht. Nur den Namen des Strandes. Ich finde die Postleitzahl. Und gebe als Lieferanschrift das Restaurants an mit dem portugiesischen Zusatz: „das grüne Haus rechts daneben“. Und nun bin ich gespannt, ob mich die Post hier findet. Zwischen all den schroffen Felsen und leeren Domizilen, damit ich mir eine Mütze stricken kann. Oder zwei. Oder drei. Oder noch ein Tuch. Natürlich immer nur, wenn ich zuvor geschrieben habe 😉

Tagsüber bin ich nicht ganz so allein. Es fahren ein paar Menschen hier hinunter. Spazieren am Strand entlang. Lassen Hunde und Kinder toben. Quälen sich mit dem Mountainbike durch den Sand. Lassen ihr Fahrrad vor Felsen und Meer posieren. Setzen sich Szene. Ich sehe ihnen zu. Immer wieder neben mir setzt sich ein Spatz. Auf dem Tisch liegt Brot. Komm später wieder, wenn ich es anschneide.
Ich muss an den Schatten denken, den ich gestern Abend am unteren Spalt der Eingangstür vorbei huschen sah. Zweimal. Sand weht dort hindurch, wenn der Regen ihn nicht beschwert. Und Licht und Schatten. Einen Menschen habe ich nicht entdeckt, als ich hinaus sah. Abwarten. Vielleicht bekomme ich ja irgendwann Besuch. Hunde gibt es reichlich hier. Und so einen Freund für die nächsten Wochen nähme ich doch gern.

Die Zeit … die Zeit. Solange ich sie mit meinen Fingern einfange und festhalte, ist alles gut. Und spätestens Montag fange ich mit der kreativen Arbeit an. Danke, liebes Leben, dass ich hier sein darf.

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